Vergeltet-Krimi, Auszug - Frauke Schuster

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Vergeltet-Krimi, Auszug

Leseproben
Leseprobe aus 'Vergeltet, wie auch sie vergalten'
 
Der Junge flüchtete wie ein verschrecktes Reh, hinein in die Pineta, und Pater Giovanni keuchte und stolperte hinter ihm her. "Saverio! Saverio, warte!"
Endlich, endlich blieb der Junge stehen. Giovanni, völlig ausgepumpt, ebenfalls. Als er langsam wieder zu Atem kam, ging er zu Saverio und legte ihm die Hand auf die Schulter.
"Bruder Saverio! Du solltest nicht bei Dunkelheit hinauslaufen!"
Der Junge stand mit gesenktem Kopf. "Soll der Mörder mich töten, es wäre das Beste!" Seine Stimme brach.
Giovanni musterte ihn aufmerksam. "Du siehst wirklich ausgesprochen schlecht aus, Saverio."
"Ich kann das Bild nicht vergessen, Pater. Das Bild, wie Prior Paolo …"
Der andere seufzte. "Niemand verlangt von dir, dass du vergisst, Bruder. Aber du kannst deinen Frieden schließen, mit dir selbst und deiner Menschlichkeit."
"Ich kann nicht, ich kann nicht!" Und der junge Mönch wandte sich jäh ab und rannte erneut. Den Pfad zurück, den sie gekommen waren, mit fliegender Kutte.
Der Pater blickte ihm nach, schüttelte bedauernd den Kopf. Erst jetzt merkte er, dass er sich lediglich ein paar Schritte von dem Kreuz in der Pineta entfernt befand. Er trat über die Mauerreste, zog ein Tuch aus der Tasche und ließ sich auf die Knie nieder, um zu beten. Für den toten Prior Paolo, für den verzweifelten jungen Bruder Saverio und für sich selbst.
Während er so in der Einsamkeit des Waldes kniete, tief in seine Andacht versunken, in Zwiesprache mit dem Gott, dem er sein Leben geweiht hatte, lehnte sich im Dunkel, nur wenige Meter von Pater Giovanni entfernt, eine Gestalt in einer dunklen Kapuzenjacke an einen Baumstamm. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Oder war es Schicksal? In aller Ruhe schob sie den Schalldämpfer auf die Mauser.
 
Er war der einzige Gast in der Kneipe. Die Hitze der Tabletten hatte sich in ein angenehm wattiges Wärmegefühl verwandelt, und Luca hatte das Gefühl, in der Zeit zu schweben. Nur dieses lästige Klingeln, das von irgendwoher in seinen Kopf drang, störte. Ebenso wie der Mann hinter der Theke, der dauernd etwas zu ihm sagte.
"Gehen Sie verdammt noch mal ran!" Jetzt schrie der Barkeeper, packte Lucas Handgelenk, schüttelte es kräftig, und Luca kapierte, dass es sein Handy war, das diesen schrecklichen Lärm produzierte. Er suchte es in seiner Tasche, legte es auf den Tresen, starrte es an. Plötzlich schienen ein oder zwei Gedanken durch die Watte in sein Hirn zu diffundieren. War etwas mit Sandro? Versuchte Arietta, ihn zu erreichen, oder der Arzt? Seine Hand zitterte, als er das telefonino ans Ohr hob. Er brachte keinen Ton heraus, und ihm war übel vor Angst. Endlich schaffte er ein zittriges "Pronto?"
"Bitte, kommen Sie, Commissario. Schnell!" Auch die Stimme des Anrufers klang schwach, nervös und eigenartig gedämpft. So, als befürchte der Mann, jemand könne mithören, wenn er nicht aufpasste.
"Wohin? Und – wieso?" Luca blickte zu dem Barista, der laut gähnte, während er seinem letzten Gast den Rechnungscoupon zuschob.
"San Benedetto. Jetzt gleich. Per favore!" Und die Leitung war tot. Luca blickte auf das telefonino in seiner Hand. Er wusste, dass er den Anrufer kannte, doch sein Gehirn brachte keine vernünftigen Verbindungen zustande. Nur die Höflichkeit des Mannes fiel ihm auf. Jemand, der gleich zweimal bitte sagte. Ignorieren oder nicht? Benediktiner ... Neue Erkenntnisse über den Tod des erschossenen Priors? Das Attentat, bei dem Sandro verletzt wurde? Aber hätte so etwas nicht Zeit bis zum nächsten Morgen? Vielleicht, dachte Luca, will mir jemand im Schutz der Dunkelheit etwas mitteilen, damit ihn niemand mit mir sieht?
"Einen doppelten Espresso!", verlangte er, denn nebelhaft begriff er, dass er das tablettenbedingte Wattegefühl abschütteln und sich zum klaren Denken zwingen musste.
"Ich schließe", knurrte der Kneipenwirt.
Luca fummelte nach seinem Dienstausweis, hielt ihn dem Barista unter die Nase. "Caffè, oder ich beschlagnahme Ihre Maschine!"
 
Wolken verdeckten den Mond; die Nacht schien unendlich düster. Schwarz und abweisend erhoben sich die Mauern des Benediktinerklosters vor der schweigenden Pineta. Luca wusste, dass er spät dran war, aber in seinem Zustand hatte er Schwierigkeiten gehabt, die richtige Ausfahrt aus der Stadt zu finden. Die er im Normalfall perfekt kannte. Er sah die Wagen, die vor dem Pfad in den Pinienwald parkten, die blitzenden blauen Lichter. Vorboten des Grauens … Und jäh begriff er, was geschehen sein musste, was ihn erwarten würde!
 
 
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