Zoo-Krimi, Auszug - Frauke Schuster

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Zoo-Krimi, Auszug

Leseproben
Leseprobe  aus 'Der Zoo des schwarzen Gottes':
 
"Wie, eine Bonobo? Was ist überhaupt eine Bonobo?" Lasse konnte nicht fassen, was die Ärztin behauptete.
 
"Eine Schimpansenart. Aus Zentralafrika. Sissy … ist hochintelligent. Ihr Vokabular entspricht etwa dem eines zwei- bis dreijährigen Kindes."
 
"Soll das heißen, sie kann sprechen? Richtig sprechen?"
 
"Auf ihre Art … Ja …"
 
"Und Sie meinen, dieser Affe könnte den Mord beobachtet haben?"
 
Ines Halima führte die beiden Männer ins Obergeschoss des Affenhauses. Über einen venezianischen Spiegel konnten die Polizisten in ein helles Zimmer mit bunten Kissen, Plüschtieren, einer zusammengeklappten Campingliege und einem Tisch blicken. Auf einem passend zurechtgesägten Baumstamm thronte ein Nest aus Decken; ein Eck des Raums wurde von einem Klettergerüst aus Seilen beherrscht. Zwei Affen hockten vor einem Teller am Boden, pickten Fruchtstücke auf.
 
"Sissy ist die größere. Wir haben ihr heut den kleinen Gorilla Mikey zugesellt, damit sie sich nicht so allein fühlt. Die beiden verstehen sich in der Regel sehr gut."
 
"Wie kommuniziert sie mit Ihnen?", wollte Luca wissen.
 
"Kommen Sie. Aber nur einer, bitte." Die Ärztin zögerte, wies endlich auf Luca. "Sie."
 
Luca folgte ihr in das Affenzimmer. Mikey klaubte weiter in den Leckerbissen herum. Sissy hingegen zog sich in die hinterste Ecke zurück.
 
"Wir haben sie vor einem Jahr von einem Ein-Mann-Wanderzirkus quasi geerbt. Will heißen, eine Tierschutzorga hat sie, als ihr Besitzer starb, aus einem zu engen Käfig gerettet und zu uns gebracht. Wir konnten gar nicht fassen, welchen Schatz dieser Mann besessen hatte." Die Ärztin ging zum Tisch, setzte sich auf einen Stuhl, bedeutete Luca, neben der Tür zu bleiben. "Wie geht es dir heute, Sissy?"
 
Die Schimpansin starrte Luca an. "Dieser Mann ist ein Freund, Sissy. Amico. Freund." Ines sprach sorgfältig akzentuiert. "Non avere paura. Hab keine Angst, meine Kleine."
 
Der Blick der braunen Augen glitt zu Luca. Abschätzend, wie der Commissario fand.
 
"Wie geht es dir, Sissy?" Geduldig wiederholte Ines die Frage. Langsam näherte sich die Schimpansin dem Tisch, ohne Luca aus den Augen zu lassen. Schließlich sprang sie auf einen leeren Stuhl, fasste in eine Pappschachtel, die etwas enthielt, das wie eine Menge Spielkarten aussah, in verschiedene Abteilungen eingeordnet.
 
Um das Tier nicht zu erschrecken, wagte Luca, keine Frage zu stellen, beobachtete lediglich. Beide. Die Ärztin, die er so etwa auf fünfunddreißig schätzte, und die Schimpansin, die gefunden hatte, wonach sie suchte: Eine Karte in der Hand beugte sie sich zu Ines vor, die ihr gegenübersaß.
 
Fast ohne es zu merken, trat Luca näher. Die Bonobo verfolgte jeden seiner Schritte, floh jedoch nicht.
 
"Bleiben Sie stehen! Sie ist seit Luigis Tod ziemlich durcheinander." Ines hob die Karte hoch, so dass Luca, der sich mittlerweile direkt hinter ihr befand, sie ebenfalls sehen konnte: Ein abstraktes Symbol in Schwarz-Weiß, darunter das Wort triste. "Traurig?", fragte Ines in geradezu mütterlichem Tonfall. Die Bonobo sah erst sie an, dann Luca, und der Commissario fühlte sich wie gelähmt von dem Schmerz, den er in den Augen des Tieres las.
 
Gleich darauf konzentrierte sich die Schimpansin wieder auf ihre Schachtel. Diesmal gab sie ihrer Betreuerin zwei Karten, und Luca spürte einen Kloß im Hals, auf den er nicht gefasst gewesen war. Die Worte unter den Symbolen lauteten: Baby und tot.
 
"Ja, Sissy. Der kleine Pepe ist tot. Wir sind alle traurig darüber."
 
Der junge Affe, das zweite Opfer. "Können Sie ihr eine Frage zu dem Mord stellen? Ob sie in der Nacht jemanden gesehen hat?" Luca hörte die Ungeduld in seiner Stimme und erwartete halb, dass die Tierärztin ihn aus dem Raum werfen würde. Aber Ines sandte ihm zwar einen verweisenden Blick, schien dann nachzudenken.
 
"Luigi", sagte sie und legte ihre Hand auf die der Bonobo. "Wo ist Luigi, Sissy?" Zu Luca gewandt, murmelte sie: "Sie versteht nicht jede Art Fragen. Ich muss alles auf eine bestimmte Weise formulieren."
 
Der Blick der Schimpansin veränderte sich. Luca war sicher, dass er statt Kummer nun Angst in den braunen Augen las. Sissy entzog der Tierärztin ihre Hand. Wieder wühlte sie in den Karten. Mann tot, las Luca und er starrte die Bonobo an. Woher konnte Sissy das wissen? Wenn Ines ihr nicht von Luigis Tod erzählt hatte – konnte die Schimpansin von ihrem Fenster aus die Leiche des Tierpflegers gesehen haben? Oder tatsächlich den Mord beobachtet?
 
Während er überlegte, welche Fragen Ines noch stellen könnte, kletterte Sissy von ihrem Sitz und lief ans Fenster. Auf alle weiteren Versuche der Tierärztin, sie zu den Karten zurück zu locken, schüttelte die Schimpansin stumm den Kopf, hielt die Hände vor die Augen.
 
"Ich vermute, sie hat wirklich etwas beobachtet", sagte Ines leise. "Gestern stand sie richtiggehend unter Schock. Wollte nicht reden, nicht essen, nicht spielen."
 
"Mann tot." Luca nahm die in Plastik eingeschweißten Karten vom Tisch. "Darf man das alles denn ernst nehmen? Ich meine … Versteht ein Affe das Konzept des Todes? Seine Unwiderruflichkeit?"
 
"Oh ja." Ines ordnete die triste-Karte in den Kasten zurück. "Ich bin sicher, dass Sissy den Tod versteht."
 
Luca trat neben die Bonobo, die aus ihrem Fenster in das Gorilla-Gehege hinabsah. Der Platz, an dem sich der Tote befunden hatte, lag voll im Blickfeld. Der Commissario drehte sich zu der Ärztin. "Werden Sie weiter mit ihr reden? Mich verständigen, falls sie … etwas zur Aufklärung des Falls beitragen kann?"
 
"Natürlich, Commissario." Ines nahm Sissy bei der Hand. "Der Commissario wird uns wieder besuchen. Möchtest du das?" Sissy legte den Kopf in den Nacken und gab Laute von sich, die sich wie whuh whuh anhörten.
 
"Whuh heißt ja." Doch Ines sah absolut nicht glücklich aus.
 
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